Sleep out in the Bush




Das Abenteuer begann, als die Motorengeräusche verebbten und es still wurde auf unserem Turm. Wer hätte gedacht, wie still. Als ob auch die Tiere im Busch nur lauschten und darauf achteten, bloß kein Geräusch zu machen. 

Der Ranger hatte uns als letztes zugerufen: „Don’t leave the deck. Never ever.“ Und auf der oberen Etage des Holzdecks saßen wir nun. Neben uns ein frisch gemachtes Himmelbett. Rund vier Meter über der Erde und direkt unter dem afrikanischen Himmel, der bereits zu dämmern begann. Schräg unter uns schimmert ein Tümpel. Es würde nicht lange dauern, bis die Tiere kämen. Sie kommen alle zum Trinken. Wie die Bewohner eines Dorfes, die sich abends in der Kneipe treffen.

Ein Schakal hat sich lautlos herangeschlichen, um seinen Durst zu stillen. Auch seinen Hunger? Er hat es jedenfalls nicht eilig, scheint auf Beute zu warten. Irgendwann müssen die anderen ja kommen, auch die Schwachen und die Kranken. Eine andere Tränke gibt es nicht – weit und breit. Der Schakal wirkt gelassen. Uns riecht und sieht er offenbar nicht. Oder er ignoriert uns.

Schakal am Wasserloch
allzeit wachsam: Schakal am Wasserloch

Plötzlich knackt es im Busch und ein Elefant steht da in seiner überwältigenden Riesenhaftigkeit. Nein zwei! Nein, da ist noch einer, ein kleiner, ein Baby, ein Elefantenkalb! Wie geräuschlos sich diese riesigen Wesen bewegen können. Gemächlich schlendern sie auf das Wasserloch zu. Da bemerkt die Mutter den Schakal und erschrickt. Sie trompetet, sie droht: „Verdammter Räuber, zisch ab.“ Der Schakal denkt nicht daran, ist unbeeindruckt und trinkt weiter. Die andere Elefantenkuh hat sich schützend vor das Baby gestellt. Auch sie droht mit ihren Ohren. Die erste rennt auf den frechen Räuber zu, der trinkt seelenruhig weiter. Erst im allerletzten Moment weicht er aus, schlägt einen Haken und lässt sich an anderer Stelle nieder. Die Elefantenkuh rennt ins Leere, platzt vor Wut und versucht es erneut mit Drohen, Trompeten und Trampeln.

Währenddessen ist eine Herde eingetroffen. Zebras und Gnus. Sie verstehen sich prächtig. Die einen hören nicht gut, die anderen sehen dafür schlecht. Aber bei Gefahr alarmieren sie sich gegenseitig und kompensieren so ihre Schwächen. Knietief stehen sie im Wasser und saufen. Der Schakal scheint ja anderweitig beschäftigt zu sein.

Die Elefanten schaffen es nicht, den Schakal zu vertreiben. Aber sie haben eine Lösung gefunden, wie man das Baby sicher zum Wasser bringt: Sie nehmen es zwischen sich und bewegen sich vorsichtig – wie in Zeitlupe. Der Räuber hat keine Chance – bei so viel mütterlicher Fürsorge.

Elefantenbaby

Ich bin ein Mitteleuropäer und zoologisch nur mäßig interessiert. Doch das, was ich hier – in der Zweisamkeit des Hochstandes – erlebe, elektrisiert mich. Als wäre es ein Déjà-vu: Eine ganze Nacht lang erlebe ich Afrika wie meine Vorfahren, die ja erst vor 50.000 Jahren den geheimnisvollen Kontinent verlassen haben. Eine ganze Nacht sind wir allein in der Savanne – mit ihren Gerüchen, ihren lauernden Bedrohungen, ihrer kosmischen Weite. Es gibt nur einen Unterschied: Wir muss uns nicht fürchten. Auf unserem vier Meter hohen Holzdeck sind wir erhoben über alle Gefahren.

Wir haben die ganze Nacht auf dem Hochstand verbracht. Es ist vermutlich die aufregendste meines Lebens. Der Himmel über uns ist übersät mit Sternen, von denen mir nur der Orion am Horizont bekannt vorkommt. Stattdessen leuchtet uns das Kreuz des Südens, während es um den Südpol kreist und uns durch seine Position die Stunde anzeigt. Keine künstlichen Lichter weit und breit. Die Lodge, in der wir zu Gast waren, war eine halbe Autostunde entfernt. Rings um uns ist nichts als Wildnis. Wir teilen sie uns zu zweit.

Gegen zwei Uhr weckt uns ein Mordsgeschrei. Es kommt von allen Seiten. Wir waren umgeben von einer Horde Meerkatzen und bemerken sie erst jetzt. Eine ganze Stunde lang brüllen, bellen, kreischen, lachen und geifern sie aus voller Kehle. Erst am nächsten Morgen erkennen wir den Grund. Als der Ranger uns im Wagen abholt, deutet er auf Spuren unter unserem Deck. Sie stammen von einem Löwen.

Inzwischen gibt es an vielen Stellen in Afrika die Möglichkeit, im Freien zu übernachten – und doch in Sicherheit zu sein. In der Wüste Namib, im Krüger Nationalpark oder in Botswana. Wir werden die Nacht auf dem Sleep-out-Deck der Kanana Lodge nicht vergessen.

Kanana Sleep Out Deck
Das Sleep-out-Deck von Kanana

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