Samstag, 31. Oktober 2015
Italien

Durchs Labyrinth der Sassi
Matera

Matera: Durchs Labyrinth der Sassi
Matera: Durchs Labyrinth der Sassi

Von der „Schande für die italienische Nation“ zur Europäischen Kulturhauptstadt: Matera ist einer der spannendsten Orte in Süditalien. Die Altstadt besteht aus Höhlensiedlungen, den sogenannten Sassi. Sogar die Kirche ist in den Fels geschlagen. In letzter Zeit haben sogar einige Höhlenhotels eröffnet.

Die Sassi von Matera eine Höhlenstadt in Süditalien

Die Fassaden sind nur zugemauerte Höhlen: Sassi von Matera
Die Fassaden sind nur zugemauerte Höhlen: Sassi von Matera

Ganz im Süden Italiens liegt eine seiner rückständigsten Provinzen, die Basilicata. Eingezwängt zwischen Apulien und Kalabrien, gehört das verkarstete Bergland zu den am dünnsten besiedelten Regionen Europas. Seit Jahrhunderten ziehen die Einwohner weg – nach Mailand, nach Deutschland, nach Amerika. Doch gibt es dort einen Ort, der seit ein paar Jahren Menschen aus aller Welt anzieht und fasziniert: Matera. Man nähert sich ihm auf gewundenen Straßen, die durch karge Olivenhaine und Macchia führen. In der Altstadt angekommen merkt man zunächst noch nichts von der Besonderheit des Ortes. Die Häuserfassaden ähneln auf den ersten Blick denen der Nachbardörfer. Doch dann stellt man fest: Die Häuser haben keine Tiefe! Die Fassaden sind nichts als die zugemauerten Eingänge der Höhlen.

Der Tuffstein von Matera ist weich. Über Millionen von Jahren hat das Grundwasser Höhlen und Gänge ausgeschwemmt. Als die ersten Menschen kamen, machten sie sich das zunutze. Seit der Steinzeit sind die Höhlen bewohnt. Nach und nach halfen die Menschen nach, verbreiterten die Gänge oder gruben neue Höhlen in den Tuff. Offene Grotten wurden zugemauert und mit schönen Fassaden versehen. So entstand im Lauf der Jahrtausende eine regelrechte Stadt. Als die Normannen ihre Herrschaft über Süditalien antraten, wurde Matera sogar zur Königsresidenz und gelangte zu erheblichem Reichtum.

Wo Esel, Schweine und Menschen zusammenwohnten: Sassi
Wo Esel, Schweine und Menschen zusammenwohnten: Sassi

Zum Niedergang kam es im 16. Jahrhundert nach dem Ende des Regiments von Anjou. Die Stadt wurde zum Zankapfel lokaler Grafen; ein Aufstand der Materaner wurde blutig niedergeschlagen. Matera versank fortan in Armut. Bauernfamilien bewohnten die wenige Quadratmeter großen Höhlenräume zusammen mit Eseln, Schweinen und Hühnern. Als die Neuzeit in Süditalien im 20. Jahrhundert Einzug hielt und Elektrizität und fließendes Wasser brachte, wurde Matera vergessen.

1944 erschien das autobiographische Erinnerungsbuch von Carlo Levi, Christus kam nur bis Eboli, in dem er die Rückständigkeit des Südens schilderte. Den katastrophalen hygienischen Verhältnissen von Matera widmet er ein Kapitel. Darin vergleicht er die Sassi mit der trichterförmigen Hölle, wie Dante sie beschrieben hatte. Plötzlich rückte Matera ins Bewusstsein der Politik. Es galt als Kulturschande, dass es Mitte des 20. Jahrhunderts in Italien Menschen gab, die in Höhlen hausten. Die Altstadt von Matera wurde in den 1950er Jahren evakuiert und die Bevölkerung in eilig errichteten Plattenbauten am Stadtrand untergebracht.

Fast 30 Jahre lang waren die Sassi unbewohnt und verfielen. Erst in den 1980er Jahren erwachte ein Interesse. Künstler und Aussteiger waren die ersten, die sich dort niederließen. 1993 erklärte die UNO die Sassi zum Welterbe der UNESCO. Im Jahr 2019 wird Matera ein Jahr lang Kulturhauptstadt Europas sein. Schon jetzt wird das dort wieder der Feiertag der Madonna della Bruna gefeiert, wie es Jahrhunderte lang üblich war. Das archaische Fest beginnt am 2. Juli vor dem Morgengrauen und dauert bis in die tiefste Nacht. Unbedingt sollte man sich auch einige der Höhlenkirchen anschauen, die seit dem 8. Jahrhundert gebaut und gegraben wurden.

Unser Übernachtungstipp

ein Luxury Resort in den Höhlen

in den Fels gegraben: edle Höhlenbehausung in Matera
in den Fels gegraben: edle Höhlenbehausung in Matera

Das Vier-Sterne-Hotel verfügt über 16 jener historischen Höhlenhäusern, wegen denen die Stadt zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Die primitiven, in den weichen Fels gegrabenen Behausungen wurden über Jahrhunderte von Großfamilien bewohnt. Heute sind die etwa 50 Quadratmeter großen Einheiten elegant ausgestattet und verfügen über Telefon und Klimaanlage. Einige haben einen schönen Ausblick auf die Marktplätze und die Altstadt. Vom Hotel eröffnet sich ein herrlicher Panoramablick.

Unser musikalischer Tipp: Tarantella

Ganz in der Nähe von Matera, nämlich in Tarent, entstand der berühmteste Volkstanz auf Süditalien, die Tarantella. Sie zeichnet sich durch eine schnelle Musik im 3/8- oder 6/8-Takt aus. Daher wird oft vermutet, dass der Name von der Tarantel abgeleitet ist. Die Spinne ist überall im Mittelmeerraum anzutreffen. Ihr Biss ist schmerzlich, aber nicht tödlich, wie oft angenommen wurde. Der wilde Tanz sollte dabei eine Therapie darstellen: Die Musiker kamen ins Haus des Patienten oder auf den Marktplatz und begannen zu spielen; der Gebissene tanzte bis zur völligen Erschöpfung, um das Gift aus dem Körper zu treiben.

Vermutlich ist der Name des Tanzes aber von der Stadt Tarent abgeleitet. Hier ein Hörbeispiel des temperamentvollen Tanzes:

PIZZICA LAURA BOCCADAMO