Freitag, 11. Juni 2021

Ein langersehnter Neustart
Tobias Garstka gibt einen Ausblick

Tobias, hinter uns liegt ein turbulentes Jahr. Wie stellst du dir den Neustart für uns vor?

Wir befinden uns schon mittendrin. Der Neustart bedeutet, dass unsere Kunden wieder reisen können und auch reisen wollen und den Wunsch erfüllen wir natürlich gerne. Der Aufwand für jede Reise ist zurzeit noch um ein Vielfaches höher als in normalen Zeiten.

Tobias Garstka und Caroline Rameil im Gespräch
Tobias Garstka und Caroline Rameil im Gespräch

Es gibt viele Fragen und laufend Änderungen bei den Einreisebestimmungen, den Bedingungen vor Ort, aber auch Rückfragen die in Abhängigkeit vom Wohnort unserer Kunden entstehen. Da leisten unsere Beraterinnen gerade Unglaubliches. Wir haben für jedes Land unsere Expertinnen, die sich mit ihrem Zielland beschäftigen und immer auf dem neuesten Stand sind. Deshalb haben wir auch alle Mitarbeiterinnen aus der Kurzarbeit zurückgeholt. Es sind aber auch alle hochmotiviert, weil es einfach wieder möglich ist zu reisen und die Hoffnung da ist bald wieder zu einer gewissen Normalität zurückzufinden.

Gilt das für alle Länder?

Kurzfristig liegt der Fokus auf unseren Reisen innerhalb Europas. Es gibt einige Fernreisedestinationen wie Namibia oder Uganda, die man auch ohne viele Einschränkungen kurzfristig bereisen kann. Auch hier prüfen wir jede Abreise und stehen im Kontakt mit Kunden und Leistungsträgern vor Ort.

Davon ausgehend, dass sich die Lage im nächsten halben Jahr weitgehend normalisiert – wo siehst Du die Trends für die nächsten Jahre? Hat Corona hier etwas verändert?

Ich hoffe es. Diese Krise hat uns gezeigt, wie wichtig jedem von uns das Thema Reisen ist. Wir brauchen das sowohl aus Erholungsgründen als auch als Beitrag für nachhaltiges Handeln weltweit. Wir haben gesehen, dass die Wilderei in Afrika zugenommen hat, die Armut in vom Tourismus abhängigen Gegenden zugenommen hat und ein ganzer Wirtschaftszweig am Boden liegt. Anderseits haben wir aber auch Berichte gesehen wie sich die Natur vom Tourismus erholt hat. In Venedig konnte man wieder die Fische schwimmen sehen und in der Innenstadt von Kapstadt gab es wieder mehr Einheimische als Touristen.

Es wird jetzt spannend wie sich das Reiseverhalten entwickeln wird. Ich sehe zwei Möglichkeiten:

  1. Die Menschen machen weiter wie vor der Pandemie und werden ggf. sogar noch mehr reisen oder
  2. Die Menschen werden weniger und dafür nachhaltiger unterwegs sein. Reiseziele sorgfältiger auswählen, länger an einem Ort bleiben, qualitativ hochwertigere Unterkünfte buchen und mehr Wert auf eine perfekte Planung legen.

Welche Variante würdest Du präferieren?

Als Unternehmer müsste ich mich eigentlich für die erste Variante entscheiden, aber persönlich und auch für Umfulana wünsche ich mir die zweite! Ich hoffe, dass die Menschen mehr über ihre Reise nachdenken, dass sie es mehr zu schätzen wissen wie viel Arbeit und Planung wir in ihre Reisen stecken. Dass sie sehen wie sorgfältig wir die Verkehrsmittel und Gastgeber auswählen, damit sie am Ende eine Reise haben, die bleibt und nachhaltig prägt.

Du hast jetzt so oft das Thema Nachhaltigkeit genannt. Ist das nicht schon abgegriffen?

Ich hoffe nicht. Das fängt ja gerade erst an. Und die Menschen hatten in der Krise viel Zeit sich mit Nachhaltigkeitsthemen zu beschäftigen. Auch wir sind hier nicht untätig, sondern sammeln die Projekte unserer Gastgeber, um einheitliche Standards festzulegen. Auch das neue Projekt von Martin Bach ist ein großer Entwicklungsschritt auf dem Weg zu nachhaltigeren Reisen. Es geht hier auch nicht nur um CO2-Ausstoß. Nachhaltigkeit ist noch viel mehr. DIE UN hat 17 Nachhaltigkeitsziele festgelegt und ich wage zu behaupten, dass wir als Reiseveranstalter bei fast allen dieser Ziele etwas zu deren Erreichen beitragen können. Nehmen wir als Beispiel das Thema „sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen“. Wo Tourismus ist, erwarten die Gäste sauberes Wasser und da profitiert auch die umliegende Bevölkerung – vorausgesetzt man wählt eine Unterkunft, die eng mit der Umgebung und der Bevölkerung verknüpft ist. Und hier kommen wir als Entscheider ins Spiel. Buchen wir ein Hotel, dass sich ringsum abschottet oder eine Unterkunft, bei der die umliegende Bevölkerung sogar Teilhaber ist, Schulen baut und die Bevölkerung mit frischem Wasser und Lebensmitteln aus eigenem Anbau versorgt?

Wie ist denn das mit dem CO2-Ausstoß. Kann man als Reiseveranstalter hier noch ein ruhiges Gewissen haben?

Auf jeden Fall, aber nur, wenn man sich damit beschäftigt. Beim Thema CO2-Ausstoß (aber auch vielen anderen Nachhaltigkeitszielen) kann jeder einzelne von uns seinen Teil zur Minimierung beitragen. Wir haben z. B. vor der Krise keine Inlandsflüge mehr als Zubringer angeboten, sondern unseren Kunden fast nur noch die Bahn ins Angebot eingesetzt. Die meisten unserer Kunden haben das auch so gebucht und waren zufrieden damit. Auch die Entscheidung möglichst Direktflüge ins Zielland zu nehmen, wurde dankbar angenommen. Auch wenn die manchmal etwas teurer sind – durch die kürzere Reisedauer entstehen noch andere Vorteile. Man kommt entspannter an, man hat oft nicht noch mitten in der Nacht einen Umstieg und die Wege sind kürzer. Auch bei der Bahn als Verkehrsmittel bis zum Zielort sehen wir in Europa noch Potenzial. Da wo noch Flüge nötig sind, kompensieren wir. Durch den Konsum tragen wir so alle auch zur Entwicklung neuer Technologien bei. Die Forschung zum nachhaltigen Treibstoff, aber auch zum elektrischen Fliegen hat in den letzten Jahren richtig Fahrt aufgenommen.

Viele Unternehmen haben die Krise genutzt, um sich für die Zukunft neu aufzustellen. Was haben wir alles gemacht?

Auf jeden Fall haben wir uns die ganze Zeit über um Reisen gekümmert. Am Anfang um die Rückholung, dann um die Planung von Reisen im Sommer 2020 und dieses Jahr dann um den Neustart. Wir hatten auch viele Kunden, die ihre Reisen auf 2021 umgebucht haben und Beratungsbedarf hatten. Auch hier waren wir immer erreichbar und haben uns gekümmert. Aber natürlich gibt es auch viel Neues zu berichten. Die App z. B., die jetzt endlich online ist und für alle gebuchte Reisen genutzt werden kann. Wir haben einige Filme gedreht, um unseren Kunden etwas über uns und unsere Art des Reisens zu erzählen. Wir haben uns auch mit neuen Arten von Reisen beschäftigt. So planen wir für dieses Jahr erstmals ein Winterprogramm mit besonderen Reisen im Winter. Hier liegt der Fokus aber nicht auf Ski fahren, sondern auf Landschaft und Winteraktivitäten wie Hundeschlitten fahren, Winterwanderungen etc. Wir wurden schon oft nach Reisemöglichkeiten für Alleinreisende gefragt. Auch hier sind wir mitten in der Planung. Durch den direkten Kontakt zu unseren Gastgebern vor Ort stellen wir uns das sehr intensiv vor. Gerade wenn man alleine unterwegs ist, kann man sich noch mehr auf die Menschen vor Ort einlassen, tiefgreifende Gespräche führen und wirklich im Land ankommen.

Wenn man das alles hört, ist es schon unglaublich was in einem Jahr alles passiert ist. Was war Deine persönliche Motivation nicht den Kopf in den Sand zu stecken und so kreativ weiterzumachen?

In einem Wort zusammengefasst: Die Menschen. Auf der einen Seite die Kunden mit ihren vielen Fragen und Bedürfnissen nicht allein zu lassen, sondern zu begleiten und auf der anderen Seite auch dem Team eine Perspektive zu geben. Am Anfang wusste keiner, wo diese ganze Unsicherheit hinführen sollte und bis heute ist jeder Tag spannend und es gibt neue Entwicklungen. Als Unternehmer bin ich sehr dankbar für diese Zeit. Ich habe diese Zeit ganz intensiv wahrgenommen und war davor noch nie mit so vielen Themen gleichzeitig konfrontiert. Das hat bei uns ganz viel Energie freigesetzt und Mitarbeiter haben selber Dinge entwickelt. So ist z. B. auch unser Shop entstanden, für den wir auch Zukunftspläne haben. Persönlich war ich viel draußen, im Garten und im Wald. Wir wohnen zum Glück auf dem Land und konnten uns immer frei bewegen. Und ich hatte mehr Zeit mit unseren Kindern, da meine Frau berufsbedingt kein Homeoffice machen kann, haben wir zu Hause gemeinsam „gearbeitet“. Das war nicht immer leicht, aber rückblickend betrachtet auch geschenkte Zeit. Natürlich gab es auch mal harte Tage, an dem ich alles in Frage gestellt habe. Das hat aber nie lange angedauert, weil ich immer sehr schnell nach Lösungen gesucht und meistens auch gefunden habe.

Wir fühlen uns als Team bisher sehr gut aufgehoben, aber was erwartet uns in Zukunft?

Personalführung ist durch diese Pandemie nicht einfacher geworden. Das Arbeiten wurde flexibler, von zu Hause, mit wechselnden Stunden. Viele Mitarbeiter haben noch einen Nebenjob angefangen, um die Differenz zum Kurzarbeitergeld auszugleichen, aber auch um eine sinnvolle Beschäftigung zu haben. Manche wollen daran festhalten, anderen ist die flexiblere Arbeitszeit wichtig geworden. Andere Kolleginnen haben aus dem Ausland gearbeitet. Gerade in der Touristik kann ich mir vorstellen, dass dieser Wunsch noch öfter kommt. Hier eine sinnvolle Balance und einen rechtlichen Rahmen zu schaffen wird jetzt die Aufgabe in den nächsten Monaten sein.