Eheleute Kaiser | Südafrika
Juli 2009
Südafrika –ein Kaleidoskop?
„Südafrika, das fortschrittlichste afrikanische Land.“ „Wie könnt ihr dorthin fahren, das ist doch viel zu gefährlich!“ Vergangene Apartheid, wirklich vergangen? Folterungen der Schwarzen durch die Polizei. Endlich Freiheit? Verformte Religiösität der Buren über die Vorherrschaft der weißen Rasse? Gelebtes Miteinander von Schwarz und Weiß. Aids und Missbrauch von Frauen. Solcher Art und vieles mehr, gefüttert durch Bücher der letzten Jahrzehnte, waren unsere verschwommenen Vorstellungen über das Land. Wir wollten nicht wie Touristen in einem Zugabteil sitzen und im Vorbeifahren durch die Scheibe einen Eindruck des Landes erhalten. Unser Ziel war es so viel echte Informationen zu erhalten wie möglich. Umfulana gab uns die Chance diesem Vorhaben näher zu kommen.
Mit einem Knoten im Magen – (Angst vor der Courage?) – und gespannter Erwartung flogen wir am 16. Juli Richtung Johannesburg los. Bei strahlendem Sonnenschein und Kälte – so hatten wir uns den afrikanischen Winter nicht vorgestellt – landeten wir in Johannesburg. Die Stadt ließen wir links liegen und fuhren direkt nach Pretoria zu einem „B & B“ . Die Unterkunft und Freundlichkeit war unglaublich. Wir fühlten uns wie in „good old England“ angekommen und befanden uns unversehens in einer Tea-Time wieder, die von unserem holprigen Englisch begleitet war. Britische High Society umrahmt von schwarzen Bediensteten mit weißen Rüschenschürzen und erstem Unterricht über die Sprachen- und Völkervielfalt des Landes. Benommenheit, durch die schlaflos verbrachte Nacht im Flugzeug, Eindrücke und Verhaltensmaßregeln zu unserer Sicherheit.
Am nächsten Tag fuhren wir zum Blyde River Canyon, begleitet von Straßenschildern mit Warnungen vor „High jacking“. Da uns alles noch so fremd war, trugen sie nicht zu unserer Beruhigung bei. Am späten Nachmittag kamen wir in der Panoramalodge an. Hier fühlten wir uns sofort heimisch und sehr freundlich aufgenommen, da die Besitzer deutschstämmig sind. Gleichzeitig erhielten wir einen ersten Einblick in die markante Persönlichkeit der Menschen, die dort leben. Das Wetter, die unruhigen politischen Verhältnisse, etwas Abenteuerlust und das Durchhaltevermögen um dort leben zu können, formt sie. Die Unterkunft war wunderschön und typisch afrikanisch. Sprachlos waren wir am nächsten Morgen, als wir von der Terrasse die Landschaft sahen. Im Hintergrund die Berge, der Himmel und ein zauberhaft rosa geschmückter Baum. Unsere Seelen begannen sich zu erholen.
Nun ging es in Richtung Bush Lodge nach Sabi Sand. Hier dachten wir in einem Märchen angekommen zu sein. Begrüßt wurden wir mit einem Fruchtcocktail und wurden in ein wunderschönes Bungalow geführt. Das Essen nahmen wir auf einem überdachten Sitzplatz an einem Wasserloch ein. Dabei konnten wir Dinos beim Bad beobachten. Anschließend ging es auf die erste Safari mit dem Ranger Jason, auf der wir gleich einen Leoparden trafen. Schakale machten sich kämpfend und geräuschvoll über einen Kudu her. Das Knacken der Knochen verfolgte uns bis in unsere Träume. (Jason hatte nicht nur die Aufgabe Tiere aufzustöbern, sondern auch die des Gastgebers.) Wir trafen dabei interessante Menschen aus England, Paris und Lyon. Unsere Fremdsprachenkenntnisse wurden ganz schön herausgefordert. Nach dieser hervorragenden Lodgeerfahrung hatte es der Krüger-Park schwer mitzuhalten. Aber allein durch seine Größe und den Tierreichtum ist es ein Erlebnis dort gewesen zu sein.
Nun wartete das Wilderness Camp auf uns. Die Fahrt durch Swasiland war schon ein Erlebnis und wir bedauerten es sehr, dass wir nicht mehr Zeit zum Anhalten hatten. Von Natur aus sind wir keine Camper und waren gespannt, was uns erwarten würde. Auch hier wurden wir freundlich aufgenommen und die Unterkünfte waren sehr schön. Aber es war auch eine Herausforderung, weil es der kälteste südafrikanische Winter seit 40 Jahren war. Nachts gingen die Temperaturen bis an die 0 Grad herunter. Aber die Betten waren dick, mit einer Wärmflasche versehen und der Kopf in Schals und Mützen gehüllt. So überstanden wir die Nächte gut. Immerhin, wann im Leben hat man schon Gelegenheit nachts so viel Ozon einzuatmen? Auch das Essen fand im Freien statt und war sehr lecker. Anheimelnd waren die abendlichen großen Feuer, um die wir uns wärmesuchend drängten. Wieder lernten wir interessante Menschen aus vielen Ländern kennen und sprachen Englisch, Englisch, Englisch. Nachts träumten wir schon auf Englisch.
Tonga Beach Lodge, ein Traum am indischen Ozean! Hier konnten wir die Seele baumeln lassen. Am liebsten hätten wir die Zeit angehalten, so schön war es. Die Gastgeber waren ein ausnehmend nettes Ehepaar, so dass wir uns sofort heimisch fühlten. Die Unterkunft exzellent und das Meeresrauschen so erholsam, wie wohl überall auf der Welt. nur dass es schien als wären wir dort alleine.
Die Lodge an den Jagdgründen des Zulukönigs war eine wunderschöne, afrikanische Überraschung. Wieder sehr freundlich empfangen, hatten wir eine Hütte mit einer traumhaften Aussicht, eine Erholung für die Seele. Das Essen war so hervorragend und auch fürs Auge, dass es sicher zu einer weiteren Hüftrolle beigetragen hat. Hier konnten wir Straußen und Phytonschlangen beobachten. Traurig nahmen wir Abschied.
Jetzt ging es nach Hermannsburg zur B & B von Quanta. Wir waren völlig gespannt und nicht im Entferntesten darauf vorbereitet, dass wir so viel erleben würden.
In Hermannsburg wohnen die Nachfahren der deutschen Missionare aus Hermannsburg in der Lüneburger Heide, die 1840 dorthin auswanderten. Quanta spricht deshalb ein hervorragendes Deutsch und wir konnten sie „Löcher“ in den Bauch fragen. Sie hat Modedesign studiert und lebte bis vor 9 Jahren in Dhurban, wo sie mehrere Boutiquen hatte. Jetzt pflegt sie ihre 103jährige Mutter, die bis auf ihre Augen und eine Gehhilfe noch völlig gesund ist.
Quanta hat einen unglaublichen Schönheitssinn, der sich in der Einrichtung, den Tischdekorationen und ihrer Kleidung widerspiegelt und gepaart ist mit einer großen Liebenswürdigkeit. Gleichzeitig ist sie so gebildet, informiert und ehrlich, dass sie auf meine tausend Fragen über das Leben in SA umfassend Auskunft gab. Übrigens, ihr Essen ist exquisit!
Am nächsten Morgen hatte sie es uns möglich gemacht, dass wir uns die „Deutsche Missions-Grundschule“ in Hermannsburg ansehen konnten. Nils Röttcher führte uns herum und erklärte alles. Das war besonders für mich interessant, weil ich an einer christlichen Grundschule in Gummersbach arbeite.
Die Führung mit Vic Schütte war ein Erlebnis für uns. Wir konnten mit ihm ins Zulu-Stammesgebiet fahren. Er zeigte uns eine Schule, gerade gab es Schulspeisung, ein Krankenhaus und der Besuch in einem Kral gewährte uns Einblick in ein Stück echtes Afrika. Der Bonbon obendrauf war ein Kulturfest der Zulus. Bald an die 1000 Schwarze feierten das Fest des Jahres. Viele Gruppen führten Darbietungen vor und eine Jury stimmte über den Gewinner ab. Wir waren die einzigen Weißen darunter und wurden sehr höflich behandelt. So langsam gewöhnten wir uns daran alleine unter Schwarzen zu sein.
Abends durften wir noch Tante Inge in ihrem Heimatmuseum besuchen. Ihre Erzählungen über die Geschichte waren sehr spannend. Auch sie ist eine markante Persönlichkeit. Mir schien, als ob wir sie so langsam sammeln würden oder haben wir in Deutschland durch unser Wohlleben die Konturen verloren?
Am nächsten Morgen trafen wir eine weitere Persönlichkeit. Jürgen Greve fuhr mit uns auf den Kranskop – mit einer sagenhaften Aussicht. Als ehemaliger Biologielehrer zeigte er uns viele Besonderheiten der Natur, u. a. die Würgefeige und einen „sheppard tree“. Der Besuch an den Schwefelquellen war ein Erlebnis. Sozusagen gratis und obendrauf erhielten wir jede Menge Informationen über das jetzige Leben in SA.
Nachmittags besuchten wir den jährlichen Erntedank-Kirchenbasar und lernten wieder viele interessante Menschen kennen. Es ist dort völlig anders im äußeren Erscheinungsbild als bei uns. Das Leben der Farmer ist nicht einfach, Wetterabhängig und politisch unsicher. Es gibt nach der neuen Quotenregelung noch immer zu viel Weiße als Farmer und zu wenig Schwarze. Sie können also nie ganz sicher sein, ob sie enteignet werden. Kleidung dient hier zum Wärmen und nicht als Schmuck. Dadurch tritt ihr Wesen als Mensch stärker hervor.
Ich ziehe mich sehr gerne nett an und mir wird unbehaglich zumute. Ist mir/uns vielleicht etwas Wesentliches verlorengegangen?
Zum Abschluss besuchen wir am Sonntag den Gottesdienst. Anschließendes Gesprächsthema war nach 4 Monaten Trockenheit der gefallene Regen. Die Niederschlagsmengen der einzelnen Farmer wurden ausgetauscht. Wir dachten an das heimatlich verregnete Oberbergische und unsere Freude über jeden Sonnentag.
Fast fühlen wir uns schon ein wenig zu Hause und es ist so, als ob wir von uns lieb gewordenen Menschen Abschied nahmen.
Mein Bericht ist schon viel zu lang. Es liegt einfach daran, dass Umfulana uns so viel Erlebnisse möglich machte. Deshalb schreibe ich nur, dass der Aufenthalt in den Drakensbergen wunderschön war. Auch hier haben wir eine total interessante Lodge vorgefunden, aber es war kalt, kalt, kalt. Warum gewöhnten wir uns einfach nicht daran?
Der Inhaber hatte 12 Jahre lang in Köln gelebt und seine Frau ist Deutsche. Seit 10 Jahren leben sie dort und führen die Lodge. Er ist ein Multitalent, das alle Möbel selbst gebaut, die Badezimmer höchst eigenwillig und künstlerisch gefliest hat und wunderschöne Bilder malt. Nebenbei fliegt er Touristen in seinem Ultraleichtflieger herum.
Nun ging es zurück nach „Joburg“. Hier hatten wir die Möglichkeit bekommen durch Frau Klein einen deutschen Führer zu haben. Heinz Kolb ist Deutscher und lebt seit 20 Jahren voller Begeisterung in Südafrika. Er hat ein kleines Touristenunternehmen und war bereit uns einen Tag lang durch die Stadt zu führen. Witzigerweise stellte sich heraus, dass wir beide aus Berlin stammen. Das Eis war gebrochen.
Zuerst begannen wir mit Soweto, das ich mir ganz anders vorgestellt hatte. Im Kopf schwirrten mir die Filme der Aufstände herum und das Abreißen der Townships. Vorfanden wir eine wunderschöne Wohngegend. Die Eigentümer hatten jedes Reihenhaus originell zurecht gemacht. Auch an Mandelas Haus konnten wir vorbei fahren. Dort waren die Häuser schon recht luxuriös. An vielen Stellen fanden sich Gedenkstätten wie etwa der Pieter Moritsen-Gedenkplatz, an dem ein Schüler in den 70er Jahren von einem Polizisten erschossen wurde. Oder der Platz, auf dem nach Abschaffung der Apartheid 1994 die 10 Grundsätze des Parlaments entschieden wurden. Die katholische Kirche, in der politische Versammlungen gegen die Apartheid abgehalten wurden und von der Polizei gestürmt wurde, interessante und originelle Geschäfte und Stände.
Die Fahrt gestaltete sich etwas schwierig. Heinz war durch eine Tour in den Busch 3 Wochen lang nicht in der Stadt gewesen. Johannesburg rüstet sich aber wie verrückt für die Fußball-WM. Es waren überall Baustellen vorhanden, die er noch nicht kannte. Manchmal ratlos und verärgert suchte er sich seinen Weg.
Das umgebaute Fußballstadium sieht echt beeindruckend und geschmackvoll aus. Es wird eine Buslinie gebaut, erstmalig, die aber zu Unruhen der schwarzen Taxifahrer führt, die ihr Monopol bedroht sehen. Apropos Taxifahrer. Heinz wollte plötzlich an den Straßenrand fahren, um uns etwas zu zeigen, dabei schnitt er ein Taxi. Sofort hielt es neben uns, der Fahrer stieg aus und brüllte unseren Heinz an. Wir fürchteten, das er ihn aus dem Auto ziehen und verprügeln wollte. Sogleich kam ein 2.Taxifahrer und wollte mitmischen. Heinz, sonst von lebhaftem Temperament, entschuldigte sich sofort und wies darauf hin, dass er Touristen dabei hätte. In dem Moment hielt ein Polizeiauto und der Polizist mit Hand an der Pistole kam dazu. Heinz erzählte die Geschichte von vorn. Da Touristen die „heiligen Kühe“ SA´s sind – wir sind eine hohe Einnahmequelle und SA will keine negativen Pressemeldungen haben – beruhigten sich alle schnell und gingen auseinander.
Dann fuhren wir ins moderne Johannesburg. Es ist beeindruckend und etwas unheimlich. Unheimlich, weil niemand dort wohnt, sondern alle nur da arbeiten. Vom „Top of Afrika“ hatten wir einen hervorragenden Blick auf die Stadt und konnten so einige große leerstehende Gebäude von Weltfirmen, wie z.B. IBM, die nach dem Ende der Apartheid das Land verlassen haben, sehen.
Besonders schön fand ich den Market Place und das „Alte Theater“. Mir war auf einmal, als sähe ich viktorianisch gekleidete Menschen dort entlang flanieren. Eine zauberhafte, „schwarz-weiße-heile Welt“ von vor dem Ende der Apartheid 1994. Nie hätte ich geglaubt jemals so etwas zu schreiben. Ich, der ich empört über die Unterdrückung der Schwarzen bin. Und doch, die Luft die ich einatmete, das, was mein Auge sah, machte Anderes vorstellbar.
Wir beschlossen den Tag in der ältesten Bar von Johannesburg. Uns war schon ganz wehmütig zumute, weil wir das Land in unser Herz geschlossen hatten, obwohl oder gerade weil es so widersprüchlich in der Natur und den Menschen ist, wir uns aber so lebendig fühlten. Beschrieben habe ich längst nicht alles, was wir gesehen haben und gesehen/erlebt haben wir auch längst nicht alles. Bestimmt waren wir nicht zum letzten Mal dort.
Danke, Umfulana
Elisabeth und Ulrich Kaiser