Verhaltensregeln für Indien

Der Subkontinent Indien, mit seinen mehr als 1 Milliarde Einwohnern, hat als Touristenziel noch eher den Status eines Geheimtipps. In den letzten Jahren ist das Land vor allem als aufstrebende Wirtschaftsmacht mit kompetenten Informatikspezialisten und cleveren Geschäftsleuten in unser Bewusstsein gerückt. Insbesondere für Geschäftsreisende gibt es gute Gründe, nach Indien zu fliegen. Dabei wird man entdecken, dass die Inder einerseits sehr fortschrittlich sind, sich aber andererseits, vor allem auf dem Dorf, an den Traditionen und an der Lebensweise der Menschen seit Jahrhunderten kaum etwas geändert hat. Das Kastensystem ist nach wie vor lebendig und Hierarchien sind für den Inder von großer Bedeutung. Und so ist Indien vor allem ein Land mit einer eigenwilligen aber spannenden Kultur, die es auf respektvolle Art und Weise zu entdecken gilt. 

Zur traditionellen, förmlichen Begrüßung  legt man in Indien die Handflächen vor der Brust aneinander, wobei die Finger nach oben zeigen, und neigt den Kopf leicht. Im geschäftlichen Umfeld, besonders im Umgang mit Leuten aus dem Westen, ist inzwischen der Handschlag gang und gäbe. Insbesondere jüngere Leute begrüßen sich immer häufiger mit einem einfachen „hi“ oder „hello“.
 
Inder sind zwar äußerst gastfreundlich, kommunikativ und freundlich, vom häufigen Gebrauch von Höflichkeitsfloskeln hält man aber nicht sehr viel. Das Wort „Danke“ wird einem eher selten entgegenhallen, stattdessen erntet man viel eher ein breites Lächeln. Will man nicht als überkandidelt gelten, so passt man sich am besten ein Stück weit an.
 
Verwirrend ist für den Besucher aus dem Westen, dass die Inder während eines Gesprächs häufig scheinbar den Kopf schütteln. Dieses hin und her Wippen mit dem Kopf ist in Wirklichkeit ein Zeichen der Zustimmung. Es bedeutet so etwas wie „ja, ich höre dir zu“ oder „ja, du hast Recht“. In Indien kennt man jedoch auch das Kopfschütteln zur Andeutung einer Ablehnung. Dieses ist allerdings eine kürzere, abruptere Bewegung. Um beides unterscheiden zu lernen, muss man einfach die Leute einige Zeit beobachten. 
 
Die meisten Inder bewundern andererseits den Westen  auch sehr und versuchen ihm nachzueifern. Dies äußert sich häufig darin, dass Menschen aus dem Westen bevorzugt behandelt und sehr gerne auf der Straße angesprochen werden. Dabei ist die Frage nach dem Namen für Inder sehr wichtig. Beantworten Sie diese geduldig, auch dann, wenn Ihr Gegenüber größere Probleme hat, diesen zu verstehen. Besonders in abgelegenen Dörfern kann es passieren, dass der Exot aus dem Westen ungeniert angestarrt und neugierig verfolgt wird. Falls man auf der Straße ohne Anlass gefragt wird, was man will, so ist das nicht aggressiv gemeint, sondern einfach nur eine Form der Kontaktaufnahme. Auch ist es durchaus üblich, einen anderen zu berühren, um auf sich aufmerksam zu machen. Inder kommunizieren sehr gerne und kommen normalerweise gar nicht auf den Gedanken, dass jemand allein sein möchte. Sollte Ihnen das einmal lästig sein, dann wimmeln Sie gut gemeinte Gesprächsangebote nicht brüsk ab, sondern überlegen Sie sich besser eine plausible Erklärung, warum Sie gerade mit niemandem sprechen möchten. 
 
Öffentliche Berührungen oder gar Zärtlichkeiten zwischen Mann und Frau gelten als unschicklich. Wenn man nicht verächtlich angesehen werden will, passt man sich am besten auch als Tourist einigermaßen an. 
 
Mit den Schuhen kommt man in der Öffentlichkeit zwangsläufig mit allerlei Schmutz und Unrat in Berührung, der achtlos auf die Straße geworfen wird. Schuhe gelten daher als absolut unrein und werden daher am Eingang von Tempeln, Moscheen oder Privathäusern ausgezogen.
 
Das Essen wird in Indien traditionell auf großen Tellern serviert, auf denen verschiedenste Speisen stehen. Jeder bedient sich davon und gegessen wird mit Daumen, Zeigefinger und Ringfinger der rechten Hand (für Ausländer steht immer ein eigener Teller mit Messer und Gabel zur Verfügung). Die linke Hand dient der Reinigung auf der Toilette, ist daher unrein und sollte auf keinen Fall benutzt werden. Das indische Standardgericht besteht aus Linsen mit Reis und wird immer wieder anders zubereitet. Indisches Essen ist abwechslungsreich und vielfältig. 
 
Das Feilschen ist bei größeren Käufen allgegenwärtig. Wer sich nicht darauf einlässt und einfach den genannten Preis zahlt, genießt wenig Respekt. Wenn man einen guten Preis erzielen will, muss man vor allem viel Zeit und  mitbringen. Zum Ritual gehört es, für die angebotene Ware zunächst nur geringes Interesse zu zeigen. Erst nach und nach, oft bei einer Tasse Tee oder einem kleinen Imbiss, nähert man sich an die Preisvorstellung des Verhandlungspartners an. Es kann auch sehr wirkungsvoll sein, am nächsten Tag wiederzukommen und dann das Feilschen fortzusetzen. Besondere Bedeutung nimmt für einen indischen Händler der erste Geschäftsabschluss des Tages ein. Beginnt der Tag gleich mit einem Erfolg, so gilt dies als gutes Omen für den ganzen Tag. Am frühen Morgen zum Einkaufen zu gehen, kann sich also lohnen. Selbstverständlich wird dem Ausländer, der von vornherein als sehr wohlhabend eingeschätzt wird, ein höherer Anfangspreis genannt, als einem Inder. 
 
Inder können ausgesprochen empfindlich reagieren, wenn jemand Kritik an ihrem Land, einer kulturellen Eigenart oder einer Bevölkerungsgruppe übt. Die indischen Medien gehen mit diesen Themenbereichen äußerst vorsichtig um. Als Ausländer sollte man sich bei jeder Art Kritik gegenüber den indischen Gastgebern erst recht zurückhalten.
 
Inder lassen sich meist recht gerne fotografieren und rücken sich dann besonders in Pose. Trotzdem sollte man auf jeden Fall immer vorher fragen. Eine besondere Freude können Sie Ihrem Fotoobjekt machen, wenn Sie ihm einen Abzug zuschicken. Einige alte Leute haben jedoch Angst vor dem bösen Blick und wollen gar nicht abgelichtet werden. Das Fotografieren militärischer Einrichtungen sollte man unterlassen, um nicht in den Verdacht der Spionage zu geraten. Bei traditionellen Totenverbrennungen, die am Ganges stattfinden, sollte man sich sehr zurückhalten und die Kamera lieber in der Tasche lassen, so groß die Versuchung auch sein mag. Viele Inder sehen es auch nicht gern, wenn ein westlicher Tourist gezielt Szenen extremer Armut fotografiert, wie man sie insbesondere in Kalkutta, aber auch anderswo, zu sehen bekommt.
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